«Ich würde es genau so machen»

Es ist Asylwoche in Luzern. In vielen Veranstaltungen setzt man sich mit Flüchtlingen auseinander, diskutiert, lernt sich kennen. So auch am Samstagnachmittag in der Universität: Zum 80. Jubiläum des Schweizerischen Arbeitshilfswerk SAH wurde Nahostkorrespondent Ulrich Tilgner eingeladen – und dieser zeichnete ein düsteres Zukunftsszenario.

Mehrere hundert Personen sind gekommen, um seinen Worten zu lauschen – so viele, dass gleich drei Hörsäle gefüllt werden und der Vortrag übertragen wird. Dies stimmt den Präsidenten des SAH Zentralschweiz, Beat Däppeler, sehr zuversichtlich. Dass das Thema und auch die Referenten so interessiere, sei ein schönes Zeichen.

Vor genau 80 Jahren sei das Hilfswerk gegründet worden, am selben Tag wie die Schweizerische Flüchtlingshilfe, erzählt Däppeler – «zu einer brisanten Zeit». Dass wir uns immer noch in einer brisanten Zeit befinden, was Flüchtlinge betrifft, wird der deutsche Kriegsberichterstatter Ulrich Tilgner in einem knapp einstündigen Referat erläutern.

Eine ganze Schweiz mehr auf der Flucht

«Die aktuelle Situation ist nicht beschreibbar, denn wir kennen sie nicht», beginnt der renommierte Journalist seinen Vortrag. Er erzählt von den Flüchtlingsströmen, die ein riesiges Ausmass annehmen, gibt Zahlen wieder, die kaum fassbar sind und spricht von dem enormen Elend, das immer grösser zu werden scheint: «Ende 2014 waren von 23 Millionen syrischen Einwohnern elf Millionen auf der Flucht.» Er bettet diese Zahlen des UNHCR in einen globalen Kontext ein: Insgesamt waren im selben Jahr ganze 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht. 2013 waren es noch 8,9 Millionen weniger. Sozusagen eine ganze Schweiz mehr, die ein neues Zuhause sucht.

«Es ist bestürzend, dass die Opfer von Paris und Brüssel nicht als Opfer eines Krieges zwischen zwei Parteien gesehen werden.» Ulrich Tilgner, Nahostexperte

Man merkt Tilgner an, dass er lange Zeit im «sogenannten Mittleren Osten» gelebt hat, wie er es selbst nennt, und sich von der westlichen Sicht auf die Konflikte distanziert. Nur ganz kurz erwähnt er den politischen Islam, greift auf ein Zitat von US-Präsident Barack Obama zurück, der gesagt haben soll, dass der IS aus Al Qaida entstanden sei und so die Mitschuld der westlichen Streitmächte an dieser Entwicklung eingesteht.

An diesem Punkt wird Kritik an unserer Politik laut: «Dass so viele Menschen auf der Flucht sind, ist auch das Ergebnis der äusseren Einwirkung», sagt Tilgner. «Zudem», und da wird seine Stimme laut und eindringlich, «finde ich es bestürzend, dass die Opfer von Paris und Brüssel nur als Terroropfer gesehen werden, nicht aber als Opfer eines Krieges zwischen zwei Parteien.»

«Wir müssen unsere Grenzen gar nicht schliessen, denn die Probleme spielen sich an der Aussengrenze der EU ab.» Ulrich Tilgner

Erst die Spitze des Eisberges

Der Nahostexperte versucht mit aller Kraft, die eh schon begeisterten Zuschauer in den Bann seiner Worte zu ziehen, die Dimension des Elends begreiflich zu machen, aber auch zu zeigen, wie die westliche Welt mitschuldig an dieser Katastrophe ist. «Dadurch, dass der Weg über Griechenland geschlossen wurde, gehen die Flüchtlinge wieder die Todesroute über Italien. Tausende sind schon ertrunken.» Und: «Wir müssen unsere Grenzen gar nicht schliessen, denn die Probleme spielen sich an der Aussengrenze der EU ab.»

Doch die politischen Flüchtlinge seien ein kleines Problem, im Gegensatz zu dem, was noch kommen werde. Tilgner kategorisiert zwei weitere Arten von Flüchtlingen, die in Zukunft immer mehr würden: Die Wirtschafts- und die Umweltflüchtlinge. Solche, die aus lauter Perspektivlosigkeit, aus den Folgen der heute dauernden Kriege fliehen, und solche, die vor Umweltkatastrophen und deren Konsequenzen davonlaufen.

«Die Menschheit war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiter als heute.» Ulrich Tilgner

Tilgners Bild von der Zukunft ist sehr düster, es wirkt, als habe er jeglichen Glauben an einen Lösungsansatz verloren. «Die Menschheit war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiter als heute», so sein trauriges Fazit. Denn heute blieben die, die die Konflikte auslösen, ungestraft, währenddessen unzählige Zivilisten bewusst getötet werden.

Politisch alles o.k.?

In der anschliessenden Diskussionsrunde rund um Cornelia Lüthy (Vizedirektorin Staatssekretariat für Migration SEM), Manuela Weichelt-Picard, (Regierungsrätin Kanton Zug), Susanne Graber-Ulrich (Direktorin Hotel Waldstätterhof Luzern), Ylfete Fanaj (Kantonsrätin Luzern) und Ulrich Tilgner sprechen verschiedene Fachkräfte und Experten unter der Leitung vom langjährigen «Echo der Zeit»-Journalisten Casper Selg über Themen rund um Integration und Flüchtlingshilfe in der Schweiz.

«Unsere Bevölkerung hat noch Empathie.» Manuela Weichelt-Picard, Zuger Regierungsrätin

Spannend ist die Einsicht, dass gerade die politische Abteilung im Podium sehr zuversichtlich ist. «Unsere Bevölkerung hat noch Empathie», so Weichelt-Picard. Man habe 10’000 Syrer aufgenommen, erklärt Lüthy, und auch viel Geld in Syrien direkt investiert. Das sei beachtlich.

Und wie sieht es mit der Integration aus? Die Referenten sind sich einig, was Integration bedeutet: Das Beherrschen der Sprache, Teilnahme an der Gesellschaft, Arbeit. Die Umsetzung sei schon schwieriger. Zumindest Kinder kämen vom ersten Tag an in die Schule, berichten sowohl Lüthy wie auch Weichelt-Picard. Die Anwendung der Sprachkenntnisse stelle aber schon eine erste grosse Herausforderung dar, wendet Fanaj ein. Dabei seien Deutschkenntnisse das Allerwichtigste.

Zwischen Horrorszenario und heile Welt

Negative Aspekte wie Kriminalität, Illegalität und die Skepsis den Flüchtlingen gegenüber seitens der Schweizer Bevölkerung wurden fast gar nicht angesprochen. Der Punkt der Kriminialität wurde abgetan, indem erklärt wurde, dass fast nur abgewiesene Flüchtlinge zu kriminellen Handlungen greifen würden. Und Tilgner legitimiert mit einer Aussage die illegale Einreise: «Ich würde es genau so machen».

Während Tilgner also ein sehr düsteres Zukunftsszenario gezeichnet hatte, zeigten sich die Gäste sehr positiv eingestellt, was etwas verwirrte. «Global erleben wir eine Tragödie, in der Schweiz haben wir kein grosses Problem», fasst Weichelt-Picard die Situation prägnant zusammen.

Dieser Artikel erschien auf zentralplus.

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