Kabellos

Ein kurzer Moment, der alles verändert. Mein Atem stockt, die Brust wird eng, der Puls schiesst hoch, Verzweiflung macht sich in mir breit. Ich weiss nicht mehr weiter, bin am Rande der Verzweiflung, breche fast in Tränen aus. Nichts funktioniert mehr, ich funktioniere ich nicht mehr, denke nur an eines: Wie komme ich an ein Ladegerät?

Das, werte Leserinnen und Leser, war mein Schlüsselmoment. Da, in dieser Milisekunde habe ich erkannt, dass ich krank bin. Süchtig, abhängig. Wie kann es sein, dass ich meinen Alltag ohne Handy nicht bewältigen kann, dass es mich derart aus der Fassung bringt?

Doch es geht tatsächlich nicht. Denn ein leerer Akku bedeutet kein Wecker am morgen, keine Uhr, kein Busfahrplan, keine Kontaktmöglichkeit mit der Aussenwelt, keine Beschäftigung im Zug, keine Karte auf der Wanderung, die morgen ansteht. Kein Peakfinder, der mir die Gipfel erklärt, keine Fotokamera, keine Musik. Keine lustigen Snaps, keine SMS an meine Mami, dass ich noch nicht überflutet wurde. Es bedeutet die komplette Abnabelung vom Leben. Wie gut, dass mein Laptop noch funktioniert! Das beruhigt mich ein bisschen. Und macht mich gleichzeitig traurig. Was soll das?

Es ja toll, dass ein kleines Gerät so viele andere ersetzen kann. Doch da macht sich auch die Abhängigkeit breit. Mit einem Gerät fällt so also nicht nur etwas weg, sondern ganz ganz viel. Würde mein Handy geklaut, ich wüsste nicht mehr weiter. Und würde wohl sehr lange leiden. All die Erinnerungen, all die Fotos, all die gemeinsam erlebten Dinge, die Daten auf dem Fitnesstracker, meine Musik, Notizen, was es auch alles gibt… Die Whatsapp-Nachrichten! Alle weg! Ein neues Handy könnte das nicht ersetzen. Es ist der wohl persönlichste, intimste, wertvollste Gegenstand, den ich besitze. Und wieder frage ich mich: Echt jetzt?

Digitale Welt hin oder her, dieser Moment hat mich geprägt. Das geht so nicht. Ich muss mein Leben wieder in den Griff kriegen. Gleich morgen kaufe ich mir einen Wecker.

Randnotiz: Ich hab bei den Nachbarn geklingelt, die haben mir ein Ladekabel ausgeliehen. Face to face Kommunikation ist manchmal nicht schlecht.

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