Ich schminke mich im Zug.

Ach, ich rücksichtloses Ding. Ganz schön unverschämte Sachen mache ich. Ich muss mich ja nun wirklich an der frisch gepuderten Nase nehmen! „Wahnsinnig unappetitlich“, sagen manche.

Was ist es denn, das so schrecklich ist? Ob ich im Tram grundlos zu schreien beginne und die saftigen Tomaten Teenagern ins Gesicht klatsche? Oder vergesse ich manchmal, ohne Klamotten aus dem Haus zu gehen? Ach nein. Etwas ganz anderes erbost die Menschen um mich herum: Ich schminke mich ab und zu im Zug.

Ja, da staunen Sie, was? Löst dies auch sogleich Ekel in ihnen aus? Ganz bedächtig fahre ich mir durch die Haare, packe mein Necessaire aus, und beginne, vor all den Leuten (was mir bloss einfällt!), die Prozedur: Etwas Puder hier, etwas Mascara dort, etwas Lidschatten für ein bisschen Farbe. Die Augenbrauen nicht vergessen, die sind das Wichtigste. Zum Schluss noch etwas Farbe auf die Lippen (aber bei kalten Temperaturen tut’s auch etwas Balsam). Fertig! Leben noch alle?

Ach, ich Rüpel! Wie viele Menschen leiden mussten bei dem Anblick! Ja, wie schrecklich es doch sein muss, ich kann das Entsetzen in den Augen meiner Mitmenschen sehen, und riechen tue ich ihre Angst! (Ein Spritzer Parfüm kann da helfen.)

Nein, jetzt aber ernsthaft: Ich schminke mich wirklich oft und gerne im Zug. Weil ich so einfach viel Zeit spare, Zeit, die ich morgens nicht habe, und die 30-60 Minuten, die ich im Zug sitze, so effizient nutzen kann. Das hat nichts mit Unsittigkeit oder dergleichen zu tun, bloss mit Effizienz. Und ich kann Ihnen versichern: Noch nie hat mich jemand komisch angeschaut, es interessiert sich nämlich jeder nur für seinen Scheiss (Exgüsi). Besonders um 7 Uhr morgens. Und wenn ich jemandem gegenübersitze, der sich schminkt, finde ich das sehr interessant – vielleicht kann ich mir ja was abschauen. It das nicht ein bisschen wie ein Live-Youtube-Schmink-Tutorial?

Ich frage Sie, was wohl schlimmer sein mag: Der Geruch von Bier, Döner, MacDonalds & Co. versus der Anblick einer jungen (von mir aus auch älteren) Frau (oder auch Mann), die sich die Augenbrauen dichter malt und ihr Aussehen kurz überprüft? Stört es Sie auch, wenn Menschen in der Öffentlichkeit ein Selfie machen? Oder wenn sich manche Leute oft durch die Haare fahren, so, dass etwaige Schuppen und herausfallende Haare auf Sie fallen könnten?

Ich gestehe ein: Das Make-Up sollte man zuhause verteilen. Umziehen darf auch auf das WC verschoben werden. Alles, was mit Zupfen, Schneiden oder Rasieren zu tun hat, ist in der Öffentlichkeit nicht wirklich der Hit. Aber ist es wirklich dermassen eine Untat, wenn jemand seine Zeit gut nutzt, mobil lebt und unterwegs mal den Lippenstift neu aufträgt?

Come on. Gibt es wirklich nichts Schlimmeres? Versuchen Sie es doch einmal selbst. Ich verspreche, es tut auch gar nicht weh.

 

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