Oh diese Studenten heutzutage

Leseschwach und verantwortungsscheu. Verstehenswütig. Und so einiges mehr, das sind Studenten laut einem verzweifelten Professor, der seinem Ärger in der «FAZ» Luft macht.

Ja, Studenten mögen sich oft beklagen, haben vielleicht «Luxusprobleme», leben in ihrer eigenen Welt und drücken sich ab und zu vor Verantwortung. Aber aus Sicht eines Studenten – besonders von Studienanfängern – sind diese Unterstellungen einfach nur blanker Hohn.

Problem Nummer 1: die Leseschwäche, gepaart mit einer Verstehenswut, Problem Nummer 2. «Offensichtlich sind die Studienanfänger gekommen, um verstanden zu haben und sich und ihr Wissen zu ratifizieren», so der Professor. Na klar will man verstehen! Was ist daran so verwerflich, dass man auch komplizierte Texte begreifen will, und den Zustand des Entzifferns von Hieroglyphen, bestehend aus aneinandergereihten Fachwörtern und verschachtelten Nebensätzen nur bedingt befriedigen? Wenn man an die Uni kommt, wägt man sich in einer Institution des Wissens. Hier finde ich alle Antworten auf meine Fragen, hier sammle ich viel Wissen, hier lese ich schlaue Texte, mag sich so mancher Student zu Beginn denken. Und dann gibt es anscheinend Professoren, die dies komisch finden. Ja, wirklich komisch, wenn die Quantität des zu bewältigenden Stoffes, die Anforderungen und das Leben allgemein einen am Anfang überfordern – und man daran verzweifelt, dass man nicht alles versteht. Liegt vielleicht auch daran, dass man nicht nur zum Vergnügen da ist, sondern sich in der Ausbildung befindet, schwierige Aussieb-Prüfungen bestehen muss, und immer wieder eingetrichtert bekommt, wie wichtig gute Grundlagen sind und man diesen Weg nur gehen sollte, wenn man sich wirklich sicher sei.

Dazu kommt zu allem Übel die unsägliche «strategischen Verantwortungsvermeidung».  «Hat Ihnen etwa über all die Schuljahre die herrschende Bildungswut allen Bildungsmut ausgetrieben?», fragt der Professor. Und fügt leicht zynisch Kant ein, denn Selber-Denken sei keine Frage der Intelligenz, sondern des Mutes. Danke für den Hinweis. Ich verweise an dieser Stelle nach oben. Es hat nichts damit zu tun, dass wir uns nicht trauen würden, sondern schlicht und einfach keine Kapazität dafür haben. Wir nicht und Ihr auch nicht. Sind Sie ausserhalb der Sprechstunde erreichbar? Nehmen Sie sich Zeit für die Anliegen Ihrer Studenten? Der Herr Professor wendet selbst ein, seine Studenten nicht beim Namen zu kennen. Na also. Das Studium, so wie Sie es gekannt haben, gibt es nicht mehr. Man sitzt weder schön zusammen und diskutiert aus einer Laune heraus, noch macht man nur die Fächer, die einen persönlich weiterentwickeln. Nein, heute ist Studium vor allem Ausbildung, eine «Zertifikationsmaschine» wie Sie es selber nennen, die einen ein Bachelor- und im Idealfall auch Masterdiplom einbringt.

Das ist traurig, ja, da bin ich mit Ihnen einer Meinung. Es wäre aber zu einfach, den anderen die Schuld zu geben, die wären: Kapitalismus, Arbeitergesellschaft, Bologna, und vielleicht auch Sie. Nicht nur die «Lehrer und Schüler, die dem Ideal folgen, man dürfe nicht nichtwissen, man müsse am besten immer schon alles wissen (oder zumindest so tun), und man dürfe keine Fehler machen», denen Sie im Text die Schuld in die Schuhe schieben.

Denn eines habe ich in meinem Studium gelernt: Wir alle gehören zu dieser Gesellschaft. Wir sind alle mitschuldig. Machen wir also das Studium wieder zu dem, was sein eigentlicher Zweck ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf grheute.ch

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