«Es ist die Erfüllung eines Kindheitstraumes»

Alle reden darüber, SRF Digital Redaktor Guido Berger hat «Pokémon Go» getestet. Im Interview spricht der Game-Experte über die Faszination des Hypes und was er persönlich davon hält. 

Herr Berger, Sie haben das neue Game «Pokémon Go» für SRF3 getestet und beschreiben es als «die perfekte Fantasie». Warum? 
Naja, weil sie es eben ist. Viele der Leute, die das Game spielen, kamen das erste Mal in den 90er Jahren mit Pokémon in Kontakt, und haben sich damals schon vorgestellt, wie es wäre, wenn die Pokémon in der realen Welt seien. Und genau das wird jetzt erfüllt: Die Pokémon leben nun in unserer Umwelt.

Wie kann man sich als Laie den Hype rund um «Pokémon Go» erklären? 
Es hat sicher viel mit Nostalgie zu tun, mit der Erfüllung dieses Kindheitstraumes. Zudem ist Pokémon auch ein unglaublich starker Brand, der immer wieder eine neue Generation findet. Spieltechnisch wurde die Komplexität stark reduziert, was das Game für Laien attraktiver macht: So ist beispielsweise die Kampfmechanik viel simpler geworden, wodurch eine noch breitere Zielgruppe angesprochen wird.

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Screenshots aus «Pokémon Go». (Bild: SRF/Guido Berger)

Für Nintendo war das Game der rettende Anker. Können wir bald auch Supermario und andere Games der Gamefabrik in Augmented Reality spielen?
Ich glaube nicht, dass dieses Spielkonzept der neue Trend wird. Dieser Hype ist eine Ausnahme. Pokémon eignet sich einfach von der Spielart her perfekt für Augmented Reality, da die Mechanik des Games dafür ausgelegt ist: Man sucht nach Pokémon und fängt sie. Das Herumgehen und Suchen musste also nicht neu erfunden worden, sondern war schon immer Teil des Spiels. Bei Games mit anderen Strukturen gestaltet sich diese Adaption viel schwieriger. Die natürliche Faulheit des Menschen zu überwinden schaffen nicht viele, aber Pokémon gelingt es.

Das Spiel scheint vor allem bei jungen Erwachsenen zu boomen. Handelt es sich um eine reine Nostalgiewelle oder besteht auch bei jüngeren Gamern Potenzial? 
Wie die Zahlen genau aussehen, weiss ich leider nicht. Bisher habe ich zwar auf der Strasse vor allem Leute um die 30 getroffen, aber auch von Arbeitskollegen gehört, dass deren Kinder begeistert seien.

Entgegen des herkömmlichem Images von Gamern fördert «Pokémon Go» die Bewegung und soziale Events: Man trifft sich zum Pokémon-Fangen und ist draussen zusammen unterwegs. Ist die Zeit der Spielkonsolen vorbei? 
Nein (lacht). Was so toll ist an «Pokémon Go», ist, dass es jede noch so kleine Zeiteinheit zulässt. Ob ich auf den Bus warte oder den ganzen Tag unterwegs bin, ich kann immer kurz schauen, ob ein Pokémon in der Nähe ist. Das ist durchaus nicht bei allen Games der Fall, bei vielen braucht man mehrere Stunden Zeit oder hat eine Obergrenze gesetzt. Bei diesem Gamedesign aber ist alles möglich, was wiederum viel zum Erfolg des Games beiträgt. Ich denke jedoch nicht, dass Augmented Reality andere Spielarten ablöst, sondern für ein anderes Spielerlebnis sorgt und so als Ergänzung dient.

Bereits nach knapp einer Woche hat das Game die Social Apps in der Nutzungszeit überholt. Wird «Pokémon Go» zur neuen sozialen Plattform?
«Pokémon Go» ist dafür wohl zu spezifisch. Facebook beispielsweise ist eine Plattform, auf der viele verschiedene Themen Platz haben. Der soziale Aspekt des Games ist meiner Erfahrung nach in der Schweiz noch ein wenig im Hintergrund, ist aber gerade in den USA enorm wichtig. Es wird wohl auch bald die Funktion hinzukommen, dass Pokémons getauscht werden können, was den Hype nochmals stärken wird. Es würde mich aber wundern, wenn es da nicht auch einen lokalen Kontakt braucht, wie es jetzt fürs Fangen der Pokémons der Fall ist. Das macht einen hohen Reiz des Games aus. Die App wird also Facebook & Co. kaum ablösen, im Gegenteil: Diese werden zur gezielten Kommunikation, der Organisation von Events und Erstellung von lokalen Gruppen genutzt.

Durch die Aktivierung von GPS und die Verbindung mit dem iOS/Android Konto können sehr viele Daten gesammelt werden. Ist die App mit Vorsicht zu geniessen?
Es gab zu Beginn die Kritik, dass iOS zu viele Google-Rechte verlangte. Dies wurde aber bereits korrigiert. Weiterhin bestehen bleibt natürlich ein ziemlich präzises Bewegungsprofil. Rein von den AGBs hat der Besitzer Niantic ziemlich viele Rechte: Die Weitergabe an Dritte und Handel mit den Daten ist erlaubt, gehört aber meiner Einschätzung nach nicht zum Geschäftsmodell und ist deswegen weniger kritisch zu sehen als bei Unternehmen, die vor allem auf diese Daten abzielen. Sie sind aber bei weitem nicht die Einzigen, die ein Bewegungsprofil erstellen. Ich sehe das eher als Zeichen der Zeit als eine spezielle Ausnahme.

Die hohe Menge an Nutzern und das Konzept des Games scheint auch die Vermarktungsbranche zu interessieren. Können wir bald Gutscheine und Geschenke anstatt von Pokémon sammeln und in den Arenen tauschen?
Das ist nicht so unwahrscheinlich. Der CEO von Niantic hat auch bereits angedeutet, dass Überlegungen zu gesponsorten Arenen und Pokéstops im Gange seien. So können beispielsweise Restaurants mehr Bekanntheit erreichen und eine Message unterbreiten. Gerade dadurch, dass «Pokémon Go» Menschen dazu bringt, neue Wege zu gehen, die sonst nicht gegangen würden, hat das Game vermarktungstechnisch viel Potenzial. Auf der anderen Seite ist hier viel Fingerspitzengefühl gefragt: Wenn es dem Nutzer zu viel wird, kann es schnell in eine totale Ablehnung kippen.

Was denken Sie: Wird der Hype in ein paar Tagen vorbei sein oder hat Nintendo eine komplett neue Spielwiese in der digitalen Welt eröffnet? 
Der Vorreiter des Games, «Ingress», gibt es seit bereits vier Jahren und wird immer noch fleissig gespielt. Pokémon ist als Marke stark genug, so dass ich ihr zutraue, auf dem Markt zu bestehen. Natürlich wird es nicht immer so ein Hype bleiben, aber dass es so schnell verschwindet wie es gekommen ist, fände ich völlig überraschend. Ich bin zudem überzeugt, dass das Game nicht so bestehen bleibt, wie es jetzt ist. Neue Funktionen, Spielmöglichkeiten und Pokémons werden das Game aktuell halten, da bin ich mir sicher. Jede Welle ist einmal vorbei, aber diese wird ziemlich lange rollen.

Der Artikel erschien ursprünglich auf persoenlich.com.

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