«Alle Beteiligten haben voneinander enorm profitiert»

Oliver Zihlmann hat das Schweizer Rechercheteam zu den Panama Papers geleitet. Im Interview erklärt er, wie dabei vorgegangen wurde und was die wahre Erkenntnis der Offshore-Leaks ist.

Die Veröffentlichung der Panama Papers ist nun ein paar Tage her. Sie waren als Leiter des Recherchedesks von «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche» stark involviert. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Die Panama-Papiere sind nicht das erste Datenleck, das wir analysiert haben, es ist aber bei weitem das grösste. Der Datensatz ist dazu noch ausserordentlich komplex. Entsprechend war der Rechercheaufwand dieses Mal extrem hoch, selbst für eine Leaks-Recherche. Die Veröffentlichung der Resultate hat zu einer breiten Palette von Reaktionen im In- und Ausland geführt. Entscheidend ist für uns, dass wir sehr positive Rückmeldungen erhalten haben zur Substanz der Recherchen.

Wie ist das abgelaufen? Wie und wann hat das Recherchedesk Einsicht in die Daten erhalten?
Die «Süddeutsche Zeitung» hat diese Daten von einer anonymen Quelle erhalten und sich entschieden sie nicht alleine auszuwerten, sondern Kollegen im Ausland daran zu beteiligen. Wie bei Swissleaks und Luxleaks hat sich das als sehr sinnvoll erwiesen. Gerade internationale Finanzdaten, die zahlreiche Länder betreffen, werden am besten von Spezialisten vor Ort ausgewertet, die dann ihre Ergebnisse mit allen teilen. Der Austausch wurde organisiert vom International Consortium of Investigative Journalism (ICIJ). Sie haben die Infrastruktur bereit gestellt für den Datenzugriff und für den Austausch der Journalisten untereinander.

Sie waren als einziges Schweizer Medium beteiligt?
Ja, unser Team war bei dieser Recherche als einzige Vertretung der Schweiz dabei.

Wie viel Ressourcen hat Tamedia in die Daten-Recherche gesteckt?
In Zeiten von Budgetkürzungen und schrumpfenden Werbeeinahmen haben die Chefredaktoren von «Le Matin Dimanche» und «SonntagsZeitung» fünf Journalisten während sechs Monaten Teilzeit und während zwei Monaten praktisch Vollzeit für diese Recherche eingesetzt. Ausserdem unterstützt Tamedia unseren Recherchedesk mit zwei Praktikumsstellen. Nur mit einer solchen Abstützung war die Recherche möglich. In der Folge konnten wir in der Recherche rund um Wladimir Putin und um die Fifa wichtige Beiträge aus der Schweiz beisteuern, die in die weltweite Berichterstattung einflossen.

Durch die breite Abstützung der Recherche berichten dementsprechend viele Medien über Panama Papers. Weshalb soll ich die News im «Tagi» lesen, und nicht bei der deutschen Konkurrenz? Was machen Sie besser, anders?
Wir schauen aus Schweizer Optik auf die Daten. Uns ist zum Beispiel aufgefallen, dass bei vielen heiklen Geschäften Schweizer Treuhänder und Anwälte involviert waren. Das haben wir nun zum Thema gemacht, exklusiv für die Schweiz. Andere Artikel, zum Beispiel über Russland, sind klar aus einer hiesigen Optik geschrieben, was dem Leser hilft. Auf der anderen Seite geht es in diesem Projekt ja um Austausch. Wenn Sie einen Artikel zur Fifa in der «Süddeutschen Zeitung» lesen, werden Sie unsere Autorin da auch finden.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit der verschiedenen Medien, Journalisten, Länder? 
In den übergreifenden Geschichten gab es eine sehr enge, tägliche Zusammenarbeit. Den Fall Russland zum Beispiel haben wir recherchiert zusammen mit dem ICIJ, der BBC, dem «Westdeutsche Rundfunk», der «Süddeutsche Zeitung», und der russischen Zeitung «Nowaya Gaseta». Wir haben uns die verschiedenen Offshore Firmen des Freundes von Putin aufgeteilt und diese einzeln analysiert. Alle Beteiligten haben extrem voneinander profitiert. Ohne die russischen Kollegen hätten wir die Hintergründe der dortigen Personen nie recherchieren können. Auf der anderen Seite hatten die Kollegen aus Moskau keine Ahnung, was bei einer Schweizer Bank erlaubt ist.

Wie ist es gelungen, dass alles bis zur Veröffentlichung geheim blieb? 
Wie diszipliniert in unserem Konsortium gearbeitet wurde sieht man gerade daran, dass kein einziger der 376 Journalisten von Japan bis Südamerika die vereinbarte Deadline gebrochen hat. Und dies obwohl der Premier von Island und der Präsident von Russland bereits nach unserer Konfrontation öffentlich reagiert haben, noch bevor der Publikations-Zeitpunkt erreicht war.

Wie wurde entschieden, welche Sachverhalte zuerst veröffentlicht werden? 
Es war ein gemeinsamer Entscheid, die Fälle der wichtigsten politisch exponierten Personen wie Putin oder dem Isländischen Premier sofort zu veröffentlichen. Bei anderen Fällen, wie der Fifa, haben wir uns gemeinsam auf einen späteren Zeitpunkt geeinigt. Daneben hat jedes Land auch nationale Geschichten. Hier ist es ein Entscheid der Chefredaktion, wann was kommt.

Wie geht es jetzt weiter? Wie lange wird «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung» noch mit Artikeln darüber kommen? Wie viel Ressourcen werden noch in die Daten gesteckt?
Wir sind nun in der Produktionsphase. Es werden in den nächsten Tagen immer wieder Artikel erscheinen.

Mossak Fonseca behauptet, dass sie gehackt worden seien, die Medien sprechen aber von einem Whistleblower. Was wissen Sie über diesen?
Ich persönlich hatte keinen Kontakt mit dem Whistleblower. Aber nach allem, was wir über die Kanzlei herausgefunden haben glaube ich unseren Kollegen von der «Süddeutsche Zeitung» eher als Herrn Fonseca.

Erstmals ist ein Leak mit Multimedia-Dossiers mit Infografiken, Videos, weiterführenden Artikeln etc. veröffentlicht worden. Hilft dieser Fall zu zeigen, was die Digitalisierung dem Journalismus bringt?
Ja. Die Mittel helfen enorm um intransparente Wirtschaftsabläufe zu erklären. Aber natürlich ist das Zentrale immer noch die Geschichten auch klar und verständlich zu erzählen.

Es gibt kritische Stimmen die sagen, die Recherche bietet wenig Neues. Was hat Panama Papers gebracht? 
Auf politischer Ebene haben wir nach drei Tagen bereits Rücktrittsankündigungen des Premiers von Island. Auch ein Fifa-Richter hat demissioniert, dazu laufen Ermittlungen in zahllosen Ländern. Die Bundesanwaltschaft hat gerade das Uefa-Hauptquartier durchsucht. Es hat sich gezeigt, dass die Recherchen von hoher politischer Relevanz sind. Inhaltlich ist es tatsächlich so, dass Steuerhinterziehung via Briefkastenfirmen seit langem diskutiert wird. Doch bei den Panama Papers geht es nach meiner Einschätzung um etwas Anderes: Im Zentrum steht die Geldwäscherei, also die Verschiebung von Geldern, bei denen der Verdacht besteht, dass sie einen kriminellen Ursprung haben. Es geht um Sanktionsbruch, Korruption, Veruntreuung. Es steht also nicht die Frage im Raum, ob jemand seine Steuererklärung falsch abgegeben hat, sondern, dass womöglich Gelder aus dem Handel mit 13-Jährigen Kindern offshore versteckt wurden. Das sind Geschichten mit sehr konkreten Opfern, und sie sind neu.

Eine weitere Kritik ist, dass gerade aus den USA oder Deutschland wenige Daten kommen. Russische Medien wittern eine Verschwörung. 
Es gibt zwei Sorten von Fällen, in denen Daten von öffentlichem Interesse sind. Einerseits Kriminelle oder angeklagte Personen, die Offshore-Strukturen nutzen, die dazu da sind Geld zu verstecken. Bei dieser Klientel gibt es sehr viele US-Fälle, sogar wesentlich mehr als in vielen anderen Ländern. Einen dieser Fälle veröffentlichen wir am Sonntag. Weltweite Beachtung findet jedoch fast nur die andere Kategorie: Die politisch exponierten Personen. Hier gibt es tatsächlich wenig US-Fälle. Experten sagen das liegt vor allem daran, dass diese Klientel Vehikel in den USA nutzt, nicht in Panama.

Bild: zVg

Dieser Artikel erschien zuerst auf persoenlich.com

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