Ihr Büro ist die Welt

Mit einem Computer ausgerüstet in der Welt umherreisen und als Freelancer arbeiten – digitale Nomaden leben dieses Modell. Das Arbeitsmodell kommt nicht nur bei 20-Jährigen gut an.

So manch einer wählt die Unterkünfte auf seinen Reisen nach Preisklasse, der Anzahl Sterne oder dem Blick aufs Meer aus – für Lorenz Ramseyer ist der Internetempfang entscheidend. Der IT-Experte misst als Erstes den Empfang und wechselt deshalb auch mal das Hotel. Denn der 43-Jährige reist nicht an exotische Orte, um Urlaub zu machen, sondern um zu arbeiten. Ob Mexiko, die Philippinen oder aktuell die USA: Sein Büro ist die Welt.

Ramseyer ist «digitaler Nomade» und gehört damit einer durch die Digitalisierung hervorgerufenen Arbeitsbewegung an. Digital, weil der Grossteil die digitalen Kanäle für sein Business nutzt, Nomade, weil man sich nicht auf einen Ort fixieren möchte. «Zeit- und Ortsunabhängigkeit sind Grundpfeiler dieses Lifestyles», erklärt Ramseyer via Whatsapp-Call, denn der Nomade befindet sich gerade in New Mexico. Als Berater ist er seit einigen Jahren mit seiner Agentur unterwegs, bietet Web- und IT-Lösungen an. Ein ganz normaler Bürojob, eigentlich – wäre da nicht die Freiheit, zu arbeiten, wo und wann es ihm gefällt.

Netzwerk für Nomaden

In Berührung mit dem Term der «digitalen Nomaden» kam Ramseyer erstmals intensiv, als er seine Masterarbeit zum Thema schrieb – und bemerkte, wie wenig Literatur es dazu in der Schweiz gab. Kurzerhand gründete er nach dem Besuch der DNX 2014, einer Konferenz für digitale Nomaden in Berlin, das Schweizer Netzwerk «Digitale Nomaden CH». Mittlerweile zählt das Netzwerk über 150 Mitglieder, in der Facebook-Gruppe tauschen sich die Nomaden regelmässig aus, und bei Treffen helfen sie sich gegenseitig weiter. Unter den Freiberuflern sei die gegenseitige Unterstützung extrem stark, gerade in einer kleinen Szene wie hier in der Schweiz, erzählt Ramseyer.

Doch was sich wie ein Traum anhört und oft als solcher verkauft wird, hat auch seine Schattenseiten. «Genau wie alle anderen arbeite auch ich die meiste Zeit», so der IT-Experte. Da brauche es ganz schön Disziplin. «Wer das nicht kann, macht einfach Ferien.» Die Work-Life-Integration gelinge nicht allen. Zudem müssen viele alltägliche Dinge neu geregelt werden, wie die Altersvorsorge, die Post, Versicherungen, der feste Wohnort. Sein eigenes Unternehmen zu führen, kostet zudem viel Geld. «Die ersten drei Jahre lebt man vor allem von Erspartem», weiss der Berater. Dennoch: Das Reisen ist fester Bestandteil des Alltags eines digitalen Nomaden. Für Ramseyer bietet die Entdeckung neuer Länder auch Vorteile für die berufliche Effizienz: «Die neuen Umgebungen fördern meine Kreativität und geben mir Energie.» So zieht es ihn immer wieder fort aus der Schweiz, zuletzt in die Philippinen, nach Indien, Mexiko, Deutschland und Peru.

Auch Jana Wessendorf hat sich vom Nomaden-Virus anstecken lassen. Nach einem Besuch an der DNX sei sie von der Motivation mitgerissen worden und entschied sich, diesen Weg selbst zu beschreiten – im selben Jahr, wie Ramseyer das Schweizer Netzwerk gründete. Die 40-Jährige ist eine typische Aussteigerin: Nach einem BWL-Studium war die Thüringerin mehrere Jahre bei grossen Beratungsunternehmen angestellt, wurde aber immer unzufriedener. «Ich wollte weg vom Angestelltendasein», erinnert sie sich. Ein Schritt war der Wechsel in die Schweiz vor neun Jahren, so konnte sie den Bergen näher sein, die ihr so viel bedeuteten.

«Bis auf wenige Witze zu meinem ‹Sabbatical› habe ich viel Zuspruch erhalten.»Jana Wessendorf, Reisebloggerin

Dennoch habe ihr das Herzblut bei der Arbeit gefehlt. «Ich wollte etwas machen, bei dem ich mit Leidenschaft dabei bin.» So begann Wessendorf vor zwei Jahren, nebenher ein Onlinegeschäft für Wanderreisen aufzubauen. Im Fokus steht die Entschleunigung, die sie mit dem Lifestyle-Wechsel für sich sucht und auch anderen weitergeben will. In den Bergen unterwegs sein, die Welt zu Fuss erkunden, Neues entdecken – das erfülle sie. Das denkt auch ihr Umfeld: Die meisten Kommentare hätten ihr Vorhaben bestätigt. «Bis auf wenige Witze zu meinem ‹Sabbatical› habe ich viel Zuspruch erhalten», erzählt Wessendorf. Finanziell sei die Anfangsphase schwierig. Sie lebe vor allem von Erspartem, Einnahmen aus Sponsoring und Provisionen für Links. «Dass ich mit viel Herzblut hinter meiner Arbeit stehe, ist jede Mühsal wert», rechtfertigt sie den Aufwand. Endlich ist sie glücklich: «Es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.» Doch in der digitalen Welt ist es gar nicht so einfach, sich an seine eigenen Richtlinien zu halten. Sie habe sich immer wieder dabei erwischt, keine Pausen gemacht zu haben und nicht mehr abschalten zu können.

Denn wer immer online gehen kann, kann auch immer arbeiten, feste Arbeitszeiten gibt es keine. Ein Widerspruch zur Entschleunigung, die sie mit ihrer Arbeit vermitteln will. Daher sei es wichtig, einen gesunden Umgang mit den digitalen Tools zu pflegen, auch bewusst Pausen zu machen. Denn wer die Grenzen immer mehr verwischen lässt, läuft Gefahr, ein «digitaler Sklave» zu werden – oder gar ein Burn-out zu bekommen. Davon sind vor allem jüngere digitale Nomaden unter 30 betroffen, bestätigt auch Ramseyer seine Erfahrungen. «Jüngere Interessierte stecken zwar voller Elan, es fehlt ihnen aber oft an Berufserfahrung.» Er habe Fälle erlebt, wo Personen innert zehn Minuten ihre Stelle gekündigt hätten, ohne Businessplan, ohne Ersparnisse.

Immer online, immer arbeiten

Schon lange im Geschäft ist dagegen die 55-jährige Katrin Gygax. Sie arbeitet seit 1996 von unterwegs. Nachdem sie einige Zeit in der Reisebranche tätig gewesen war, machte sie sich als Texterin, Reisejournalistin und Übersetzerin selbstständig. «Ich wollte frei sein», erzählt Gygax. Zu Beginn setzte sie sich in Cafés und Bibliotheken, um zu arbeiten. «Damals war ich auf Faxgeräte und Telefon angewiesen, es gab ja noch keine Smartphones mit Internet», erzählt sie aus den alten Zeiten. Daher schätze sie die neuen Technologien umso mehr.

Gygax arbeitet von unterwegs, weil sie durch die neue Umgebung besser abschalten kann. «Meine Lebensqualität ist extrem hoch, es ist genial», freut sie sich. Über all die Plätze, die sie bisher besucht hat, hat sie vor zwei Jahren ein Buch mit dem Titel «Today’s Office Looks Like This» veröffentlicht. Seitdem hätten Co-Working-Spaces und mobile Arbeitsplätze nochmals extremen Aufwind erhalten. «Die Leute haben gemerkt, dass man so viel Geld sparen und die Synergien nutzen kann», ist sie sich sicher. Geld – auch ein Punkt, der sie überzeugt hat: Ein Generalabo der SBB sei so viel günstiger als ein Büro, erklärt sie schmunzelnd. Doch auch ihre Erfahrung bestätigt, dass dieser «hippe Lifestyle» keineswegs nur für die Generation Y ein Thema ist. «Es ist zeitlos», findet Katrin Gygax, die mehrere über 50-jährige digitale Nomaden kennt.

Über Gründe dafür können die Porträtierten nur spekulieren: Vielleicht sehnen sich Junge wieder nach mehr Sicherheit. Oder wollen erst was «Richtiges» machen. Oder kennen die Möglichkeit nicht. Wie dem auch sei: In der Schweiz dominieren über 40-Jährige die Szene.

Die Porträtierten sehen grosse Chancen für dieses Arbeitsmodell. Es brauche zwar Mut und «einen bestimmten Typ Mensch». Es braucht Unternehmergeist, Disziplin, und es hat auch nicht jeder ein «Reisefüdli». Denn digitale Nomaden definieren sich nicht über die Selbstständigkeit. Für sie steht Freiheit als sozialer Status im Zentrum.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf tagesanzeiger.ch publiziert.

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